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Startup-Interview: Transparenz im Energieverbrauch der Industrie mit ENIT Systems

Grüner ENIT Systems
Gründer v.l.n.r.: 1. Simon Fey (M.Eng.), Entwicklungsleiter 2. Dipl.-Ing. oec. Kai Klapdor, CFO (Finanzvorstand) 3. Dipl.-Ing. Pascal Benoit, CTO (Produktmanager) 4. Dipl.-Wi.-Ing. Hendrik Klosterkemper, CEO (Vorstandsvorsitz, kaufmännische Leitung) In Zusammenarbeit mit der Fraunhofer-Gesellschaft Entwickelte die neu Gegründete Firma "Enit Systems" ein Stromlesegerät den "Enit - Agent" ein kleiner "Kasten" welcher Kunden helfen soll enorme Mengen an Energie einzusparen. Foto: Fiechter

Der Energieverbrauch in der Industrie ist heute oft ein wichtiger Kostenfaktor. Dennoch wissen die Unternehmen zu wenig über den Verbrauch und wie viel davon auf ein einzelnes Produkt entfällt. Mit einem leicht und schnell zu installierenden System möchte das Freiburger Startup ENIT Systems diese ändern. Der ENIT Agent sorgt für Transparenz beim Energieverbrauch in Echtzeit und ist flexibel anpassbar an die Anforderungen vor Ort. Das Ziel ist für die Kunden eine Einsparung von Energiekosten zu erzielen, die sich lohnt.

So sorgt ENIT Systems für Transparenz beim Energieverbrauch in der Industrie

Für die Beantwortung meiner Fragen bedanke ich mich bei Hendrik Klosterkemper, CEO von ENIT Energy IT Systems GmbH.

Wie ist die Idee für ENIT Systems entstanden? Was ist der Hintergrund?

Mittelständler haben keine Transparenz über ihren Energieverbrauch – einer ihrer größten Kostenfaktoren. Das Problem im Markt: Es gibt 2 Mio. verarbeitende KMUs in Europa ohne Transparenz bei den Energiekosten. Diese sind nach Material und Personal aber meist Kostenfaktor Nr. 2 oder Nr. 3.

Mit dem ENIT Agent sparen ENIT-Zielkunden durchschnittlich 8% ihrer Energiekosten (80.000€ / Jahr). Der Agent liefert Echtzeittransparenz, konkrete Maßnahmen zur Einsparung von 5-20% (Ø 8%) sowie die Zuordnung der Energiekosten pro Produkt.

Wir Gründer kennen uns aus der gemeinsamen Arbeit am Fraunhofer ISE. Hier herrschen fantastische Bedingungen, um Pionierarbeit zu machen und Know-how aufzubauen. Als die Anfragen auf Messen wie der Intersolar mehr als 50-60 pro Tag wurden, wussten wir das die Zeit reif ist.

Die Cheftechniker, Pascal Benoit und Simon Fey, motiviert es bis heute Lösungen nicht mehr „für die Vitrine, sondern für die Praxis zu entwickeln“. Wir freuen uns daher heute sehr, dass es dem Team gelungen ist im letzten Jahr ein skalierbares Geschäftsmodell aufzubauen und an den Markt zu bringen. Durch das Plug & Play System konnten aus 400 Kundenterminen über 100 Kunden gewonnen werden.

Wie sieht das Angebot von ENIT Systems genau aus?

Durchschnittlich sparen Kunden 80.000€ p.a. bei 4.200€ jährlichen Kosten. Das ENIT System amortisiert sich innerhalb eines Jahres. Häufig schon innerhalb der dreimonatigen Testphase. Der ENIT Agent ist in zwei Punkten einzigartig: Einfachheit der Installation und Flexibilität während des Betriebs.

Was ist damit gemeint? Einerseits ist das System tatsächlich in unter zehn Minuten verbaut und in der Lage bestehende Zähler und Anlagen herstellerübergreifend zu integrieren. Das ist für Betriebe ganz wichtig, da der Anlagenpark fast immer historisch gewachsen ist. Hierauf ist das Softwareframework spezialisiert. Diese Fähigkeit geht auf Pionierarbeit (Entwicklung & Testing), neue Erfindungen im Bereich Edge-Computing (dezentrale, autark lauffähige Netzwerkstrukturen mit Vorteilen gegenüber reinem Cloud-Computing) sowie jahrelange Zusammenarbeit mit Zählerherstellern zurück. Diese Besonderheit ist die Grundlage für hochaufgelöste Messung und Analyse (Algorithmen).

Zum anderen ist es auch nach Installation möglich weitere Applikationen (Apps) während der Laufzeit unterbrechungsfrei aufzuspielen. So bleibt die IT-Plattform immer up-to-date und passt sich Veränderungen im Betrieb und den Prioritäten der Anwender an. Diese Fähigkeit geht darauf zurück, dass ENIT ein Framework entwickelt hat, das analog zu einem Android-Handy funktioniert. Genauso leicht wie auf einem Handy ist die Erweiterung von neuen Analyse- oder Steuerungsfunktionen. Machen bspw. Batterien oder Solaranlagen Sinn oder integriert ein Kunde Elektroautos, lassen sich diese Erzeuger und Speicher über das System optimal dimensionieren, einbinden und steuern.

Wer ist Eure Zielgruppe? Wer sind die Kunden?

Es war uns wichtig die Technik dort einzusetzen wo sie den größten Beitrag leistet. Daher haben wir das Produkt und die Prozesse auf die Industrie ausgelegt. 95% der Unternehmen sind mittelständisch. Wir arbeiten gerne mit Ihnen zusammen, da sie oft schneller entscheiden und besonders gut darin sind konkretes Feedback zu geben. Erste Kunden waren bspw. die Schwarzwaldmilch in Freiburg und Neuman Aluminium in Österreich.

Unsere Kunden sind heute produzierende Unternehmen aus allen Branchen. Wenn man das in eine konkrete Zahl übersetzen möchte, dann hat unser durchschnittlicher Kunde einen Verbrauch von 5 GWh Strom im Jahr.

Wie lassen sich Unternehmen heute für Energieeinsparung begeistern? Ist das überhaupt möglich?

Es gibt verschiedene Faktoren, die Unternehmen dazu veranlassen sich mit ihren Energieverbräuchen zu befassen. Neben gesetzlichen Verpflichtungen zu Energieaudits und der damit verbunden Pflicht kontinuierliche Verbesserungen der Energieeffizienz im Betrieb nachzuweisen, sind Energiekosten auch ein wesentlicher Kostenfaktor für produzierende Unternehmen.

Eine Umfrage des Bundesamts für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle hat zuletzt wieder gezeigt, dass vor allem Unternehmen deren Energiekostenanteil bei > 5% liegt vermehrt Energiemanagement-Dienstleistungen in Anspruch nehmen (Quelle). Die Lehrbücher sprechen von Einsparpotenzialen zwischen 5% und 20%, die durch die Einführung von Energiemanagementsystem bzw. Energiemanagementsoftware gehoben werden können. Die Erfahrung mit unseren Kunden zeigt, dass wir es schaffen im Schnitt 8% der jährlichen Energiekosten einzusparen. Das ist je nach Energieverbrauch und Tarif eine erhebliche Summe, die natürlich einen intrinsischen Anreiz setzt sich mit den Energieverbräuchen zu beschäftigen.

Was war bisher die größte Schwierigkeit  und was musstet Ihr an dem Konzept von ENIT Systems ändern?

ENIT hat sich zunächst die Zeit genommen zunächst das Produkt zu optimieren und industrietauglich zu machen. In den letzten 18 Monaten haben wir erfolgreich den Markteinritt realisiert. Wir erleben, dass durch die direkte Zusammenarbeit zwischen Mitarbeitern aus der Produktion des Anwenders und unserer Softwareentwicklung sehr schnell weiterführende Innovationen gelingen.

Diese werden im zweiwöchigen Scrum-Rhythmus bei ENIT entwickelt und können Kunden aus der Ferne freigeschaltet werden. Ein Beispiel sind Algorithmen im Bereich predictive maintenance (vorausschauender Wartung), wo bspw. auf Basis von Energie- und Produktionsdaten vorhergesagt werden kann, wann der ideale Wechselzeitpunkt von Verschleißteilen ist.

Wir haben immer stärker auf Expertenentscheidungen (entspr. dem sog. Holocracy-Prinzip) und auf eigenverantwortliche Teammitglieder Wert gelegt. Anstelle von Bereichen und Entscheidungsebenen gibt es Expertenkreise und sog. Lead-Links (Lead-Links sorgen für die effiziente Kommunikation zwischen den Fachkreisen). Nach unserer Erfahrung sind die fachlich Verantwortlichen die bessern Entscheider als das Management. Ein Mitarbeiter sagte kürzlich auf die Frage hin, was er sich vom Managementteam wünschen würde: „Wenn ich hier etwas antworten würde, hätte ich wohl was falsch gemacht. Bei ENIT kann Jeder das umsetzen was erforderlich ist.“ Das freut uns sehr zu hören, denn so wollten wir das Team aufbauen.

Ich denke unser Team feiert nicht den Startup-Hype, sondern ist sehr darauf fokussiert ein gutes Produkt abzuliefern, das unsere Kunden tatsächlich weiterbringt.

Was macht Euer Angebot so attraktiv für die Kunden und wie kommt ihr an neue Kunden?

Die Zusammenarbeit mit unseren Kunden beginnt bei uns immer im Rahmen einer Testphase. Das bedeutet für den Kunden, dass er ein relativ geringes Risiko hat und sich nicht am ersten Tag auf 12 oder 24 Monate an einen Anbieter binden muss, dessen Dienstleistung er zu diesem Zeitpunkt nur schwer einschätzen und überblicken kann. Im Rahmen der Testphase lernt der Kunde unser Produkt und unsere Dienstleistung genau kennen und kann nach der Testphase entscheiden, ob er mit uns weiterarbeiten möchte. Die Entscheidung fällt dann auf der Basis konkreter Ergebnisse und Daten und weniger aus einem Bauchgefühl heraus. 92% sind nach der Testphase überzeugt.

Welchen Beitrag leistet ENIT Systems zur Energiewende und zum Klimaschutz?

Im Rahmen der Energiewende werden dezentrale Erzeugungsanlagen wie beispielsweise PV-Anlagen oder BHKWs ein wichtiger Bestandteil der Zukunft des Energienetzes sein. Viele unserer Kunden in der Industrie betreiben schon heute Eigenstromerzeugung am Standort und speisen diesen in das Netz ein oder nutzen ihn selbst. Mit dem ENIT Agent lassen sich nicht nur die Verbraucher in der Produktion erfassen und analysieren, sondern auch Eigenerzeugungsanlagen überwachen und steuern. Die hochaufgelösten Messdaten bieten darüber hinaus für die Unternehmen, die eine Eigenerzeugung planen einen Mehrwert bei der Planung. So lassen sich über hochaufgelöste Lastgangdaten beispielsweise Batteriespeicher für die Industrie präzise dimensionieren.

Was sind die nächsten Ziele?

130 Industriekunden (u.a. große DAX-Konzerne) sind mit dem Mehrwert sehr zufrieden. Nun wollen wir allen Industriebetrieben den Zugang zu der Technik ermöglichen. Wir freuen uns, dass ENIT durch die EU-Kommission als einer von drei Deutschen Unternehmen ausgewählt hat Teil der Phase 2 des SME-Instruments zu sein. Das ermöglicht uns Weiterentwicklungen im Bereich der Datenanalyse und hin zur Öffnung der Plattform für Drittanbieter noch schneller zu realisieren. Wir sind nun auch offen für Kooperationspartner, die sinnvolle Anschlussleistungen gegenüber dem Endkunden erbringen. Hier sehen wir insb. Contractingmodelle sowie PV- und Batterieprojektierung im Fokus.

Weitere Artikel über ENIT Systems

In diesen Artikel hatte ich bereits über ENIT Systems geschrieben:

Transparenz ist der erste Schritt zur Einsparung von Energiekosten

Wer weiß an welcher Stelle und zu welchem Zeitpunkt Energie verbraucht wird, kann gezielter Maßnahmen zur Energieeinsparung in Angriff nehmen. Vielleicht gibt es auch ähnliche Angebote wie von ENIT Systems. Aber das Modell der Testphase und die Erfolgsquote nach diesem Zeitraum ist beeindruckend. Und spannend finde ich auch die leichte Integration in bestehende Anlagen und die Nutzung der Daten für die Planung einer Eigenstromerzeugung. Hinzu kommt die Flexibilität und Möglichkeit der Anpassung über Apps wie auf dem Smartphone.

Über den Autor

Andreas Kühl

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