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Solarthermie-Markt: Rettung durch mehr Transparenz?

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Foto: Austria Solar/ESTIF
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„5 essentielle Dinge, die den Solarthermiedurchbruch verhindern“, hat Cornelia Daniel-Gruber im Ecoquent-Positions Blog identifiziert. Diese lassen sich vielleicht auf eine Forderung herunterbrechen: „Mehr Transparenz“!

Und da schließe ich mich Cornelia voll und ganz an: Ohne mehr Transparenz in der Solarwärme werden wir es nicht schaffen. Der Umkehrschluss gilt dagegen leider nicht – mehr Transparenz führt nicht notwendigerweise auch tatsächlich zum Erfolg! Dazu braucht es sicherlich noch einige andere Veränderungen.

Transparenz für das gesamte Heizungssystem

Ich will das Thema noch etwas weiter ziehen: Transparenz braucht es nicht nur in der Solarwärme, sondern der gesamten Heizungsbranche. Denn der Endkunde entscheidet sich immer für ein System, das aus verschiedenen Komponenten besteht. Und da will er wissen, was am Ende eigentlich bei rum kommt – wie viel (konventionelle) Energie er verbrauchen wird, wie hoch die Anschaffungskosten sind, wie es mit den erwarteten Betriebskosten aussieht.

Beim Auto schauen wir ja auch nicht nur auf eine Komponente, z.B. den Motor, sondern wollen den Normverbrauch bzw. die typischen CO2-Emissionen für das Gesamtfahrzeug wissen. Auch bei anderen Systemen interessiert weniger eine Einzelleistung, als das Gesamtsystem. Zum Beispiel beim Computerkauf. Die Leistungsdaten des Hauptprozessors sind sicherlich wichtig (Taktrate, Zahl der Kerne usw.) aber daneben spielt auch die Größe und Schnelligkeit des RAM-Speichers eine Rolle, ob eine Festplatte oder eine SSD verbaut wurde usw. Am Ende steht ein Gesamtcomputer, der „für Büroarbeiten“ geeignet ist oder „als Spielerechner“ oder „für Multimediaarbeiten“. So ist es auch mit Heizungssystemen. Sie sollen einen jeweils bestimmten Zweck erfüllen und darüber sollte es dann eine Gesamtaussage geben.

Leistungsunterschiede bei Kollektoren spielen kaum eine Rolle

Foto: Austria Solar/ESTIF
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Daher halte ich den von den europäischen Institutionen beschritten Weg der Energiekennzeichnung für Heizungssysteme für den einzig zielführenden. Aber dann wird – zum Schrecken der meisten Solarthermie-Unternehmen – schnell sichtbar, dass die Leistungsunterschiede zwischen unterschiedlichen Kollektoren keinen nennenswerten Einfluss auf das Gesamtergebnis haben.

Und diese Erkenntnis ist gut! Sie lenkt den Blick weg von dem starren Fokus auf den Kollektor, hin zu einer sinnvollen Zusammenstellung von Komponenten für das Gesamtsystem Heizung. Selbst renommierte Institutionen wie die Stiftung Warentest sind nämlich leider dem Komponentenwahn erlegen und haben dann z.B. den „effizientesten Kollektor im Test“ ausgerufen. Aber: Who cares?! Spielt es wirklich eine Rolle, ob ein Kollektor 5 oder 10, meinetwegen auch 20% effizienter ist als ein anderer? Das heißt doch nur: Ich bekomme bei gleicher Fläche etwas mehr Energie heraus. Dann brauche ich statt 4 Kollektoren halt nur 3. Das mag bei begrenzt zur Verfügung stehender Dachfläche tatsächlich mal eine Rolle spielen, im Normalfall aber überhaupt keine.

Der „effizienteste Kollektor“ ist auch kein Beweis für besondere technische Raffinesse – eigentlich könnte man jeden Kollektor mit ein paar Veränderungen effizienter machen: Hier das Absorberblech etwas dicker, dort den Abstand zwischen den Absorberrohren verringern und schon habe ich ein einiges an Effizienz gewonnen. Technisch ist das überhaupt kein Problem. Allerdings werden die Kollektoren schwerer und teurer. Es geht also auch hier schon – wie beim gesamten Heizungssystem – um einen sinnvollen Kompromiss zwischen Energie, Kosten und Aspekten wie leichte Einbaubarkeit, in Einzelfällen auch um die Ästhetik.

Der Kollektor muss austauschbar werden!

Nochmal zurück zum Beitrag der Kollektorleistung auf das Gesamtsystem Heizung. Bei einer solaren Brauchwasserbereitung kann ich hierzulande üblicherweise 10-15% meiner gesamten konventionellen Wärmeenergie einsparen. Dass hierbei ein paar Effizienz-Prozentpunkte beim Kollektor praktisch keine Rolle spielen, liegt auf der Hand. Und selbst bei heizungsunterstützenden Systemen, die im Gebäudebestand vielleicht 20-30% der konventionellen Wärme einsparen können, spielen Kollektorfläche und Tankvolumen eine viel größere Rolle als die Leistungsunterschiede unterschiedlicher Kollektoren.

Daher sollte – daher wird, wenn die Solarthermie erfolgreich ist – der Kollektor zur Commodity werden. Zu einem, in gewissem Rahmen, austauschbaren Produkt. Mitte der 2000er Jahre fand in Freiburg ein Visionsworkshop der Solarthermiebranche statt. Und schon dort brachte es ein teilnehmender Architekt (ungefähr) so auf den Punkt: „Wenn ich ein Haus entwerfe, dann mache ich mir keine Gedanken über die Zimmertüren. Ich spezifiziere ‘Tür nach DIN XYZ, 90cm Breite’ und dann kümmere mich nicht weiter darum. Solange Ihr von der Solarthermie mir nicht standardisierte Kollektoren in unterschiedlichen Rastermaßen bereitstellt, werde ich Eure Produkte nicht einsetzen“!

Leider sind wir davon noch meilenweit entfernt. Nicht nur haben wir keine einheitlichen Größen. Sondern auch die Befestigung, die Verrohrung, eigentlich so ziemlich alles ist von Hersteller zu Hersteller, oft sogar von Modell zu Modell unterschiedlich.

Warum gibt es wenig Transparenz bei Heizungssystemen?

Nun aber wieder zurück zur Hauptfrage: Der Transparenz. Warum haben wir so wenig Transparenz bei Heizungssystemen. Darauf gibt es zwei Antworten: Kosten und unklare Verantwortlichkeit.

Kosten der Wärmemengenerfassung: Wie die drei großen deutschen Heizungssystem-Hersteller in diesem Blog schon sagten, bieten die meisten Solarthermie-Regler bereits eine hinlänglich genaue Wärmemengenerfassung. Die Verfügbarkeit von sehr günstigen Vortex-Sensoren hat die Messung der Volumenströme schon vor Jahren bezahlbar gemacht. Und über die ohnehin benötigten Temperatur-Sensoren können dann die Wärmemengen recht gut erfasst werden. Wer noch genauere Daten haben möchte, wird den Rahmen der von Viessmann zitierten VDI 2167 sprengen, demnach die Ertragsmessung nicht mehr als ein halber Jahresetrag kosten soll. Und eine solche Relation macht ja Sinn – es kann ja nicht sein, dass ein substanzieller Teil der Einsparung durch die Messung wieder aufgefressen wird.

Wollte man die tatsächlich gemessenen Wärmemengen zur Grundlage der Förderung machen, bräuchte es vermutlich sogar geeichte Zähler und noch einiges an zusätzlichem Overhead um sicherzustellen, dass die Daten vernünftig gemessen und ohne Manipulation übermittelt werden. Das wäre bei allen kleineren Solarwärmesystemen unverhältnismäßig.

Ertragsabhängige Förderung ohne unverhältnismäßig hohe Kosten

Foto: S.O.L.I.D./ESTIF
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Diese Einschränkung muss allerdings nicht bedeuten, dass es keine ertragsabhängige Förderung geben kann. In Australien gab es ein Fördersystem, bei dem für jedes am Markt befindliche solare Warmwassersystem ein Wert bekannt war, der der Stromeinsparung über einen Zeitraum von 10 Jahren entsprach – und das für jeweils 5 Klimazonen, in die Australien eingeteilt wurde. Danach bestimmte sich dann die Förderung.

Auch in Großbritannien werden im Renewable Heat Incentive-Programm die Erträge kleinerer Solarthermiesysteme abgeschätzt („deemed“). So vermeidet man unverhältnismäßig hohe Kosten für laufende, genaue Messung. Die erwarteten Erträge könnte ich heute schon – für verschiedene Orte – den Testdaten des Solar Keymarks für Systeme entnehmen, wie es längst auch für Kollektoren üblich ist. Dabei handelt es sich nicht um Nennleistungen, sondern viel besser: um erwartete Jahreserträge an verschiedenen Standorten. Die Datenblätter gekeymark‘ter Systeme findet man online (noch sind es nur „vorgefertigte“ Solarthermie-Pakete nach EN 12976, aber gleiches gälte auch für „kundenspezifisch gefertigte“ Anlagen nach EN 12977).

Dann müsste man vielleicht nur noch die recht pragmatische Funktionskontrolle, die seit vielen Jahren im Marktanreizpgrogramm (MAP) vorausgesetzt wird, ans Internet bringen und man hätte es geschafft: Eine Förderung, die auf den (erwarteten) Erträgen basiert und die sicherstellt, dass die Anlage auch vernünftig läuft. In dieser Kombination würde man auch einige Manipulationsversuche vereiteln, weil ein künstliches Hochtreiben der gemessenen Kilowattstunden nicht zu mehr Vergütung führte.

Fokusierung auf Kollektor verstellt Blick auf Gesamtertrag

Übrigens: Wie sehr der bisherige Fokus von Fördermaßnahmen auf den einzelnen Kollektor den Blick auf den wichtigen Gesamtertrag verstellen kann, zeigt sich an Produkten wie dem unverglasten Solardach des Schweizer Herstellers Energie Solaire.

Das trägt zwar das Solar Keymark, ist im Marktanreizprogramm aber nicht förderfähig, weil es den geforderten Mindestertrag von 525 kWh/m2 am Standort Würzburg nicht erfüllt. Dass die Kollektorfläche bei diesem Produkt üblicherweise viel größer ist, weil der Kollektor praktisch das Dach ist, bleibt unberücksichtigt. Statt auf den (erwarteten) Ertrag des Solarsystems zu schauen, setzen die meisten Finanzförderinstrumente – wie das MAP – am einzelnen Kollektor an.

Diese Förderung behindert die Entwicklung kostengünstiger Alternativen zu den heutigen „Hochleistungskollektoren“. Förderte man dagegen den erwarteten Ertrag, spräche beispielsweise nichts dagegen, gesamte Facaden mit niedrig-performanten Kollektoren zu bedecken und das Dach der Fotovoltaik zu überlassen.

Die Angst der Marktteilnehmer vor der Transparenz

Wenn wir weiterhin kaum Transparenz hinsichtlich der Performanz von Heizungssystemen haben – hinsichtlich der vorhergesagten bzw. der tatsächlichen solaren und konventionellen Wärmeerzeugung sowie der Wärmegestehungskosten – dann liegt das in aller erster Linie daran, dass die Marktteilnehmer Angst davor haben.

Zum Beispiel Angst davor, dass Kunden die Normverbräuche als real zu erwartende Werte missverstehen könnten und sich beklagen, wenn sie zu weit von einander abweichen. Dies wurde von der Heizungsbranche in der Diskussion um die Energiekennzeichnung immer wieder zur Sprache gebracht. Auch wenn ich dieses Argument grundsätzlich verstehe, halte ich es letztlich für unbegründet.

Schauen wir doch mal wieder aufs Auto. Da klagt doch auch keiner gegen den Autohersteller, weil sein Fahrzeug deutlich mehr verbraucht als der Normverbrauch angibt. Längst haben wir uns daran gewöhnt, dass die Autohersteller mit allen möglichen Tricks die Messungen so nach unten frisieren, dass später im realen Gebrauch die Werte üblicherweise ca. 20% höher liegen. Da jedoch alle Hersteller diese Tricks anwenden, bleiben Normverbrauchswerte zur Unterscheidung zwischen verschiedenen Modellen trotzdem ein wichtiger Indikator. Und so sollten wir auch das Energiekennzeichen bzw. andere standardisierte Leistungswerte bei Heizungssystemen kommunizieren!

Viel schlimmer ist jedoch die Angst der Marktteilnehmer, weil sie die Verantwortlichkeiten nicht klar haben. Läuft etwas anders als vorhergesagt, weist der Installateur die Schuld dem Hersteller zu, der ihn vielleicht sogar bei der Anlagenplanung unterstützt hat. Der Hersteller weist sie dem Installateur zu, der nicht die richtigen Ausgangsdaten geliefert hat (Stichwort: Ermittlung des Wärmebedarfs) oder Fehler bei der Installation gemacht hat. Und beide können mitunter auch den Kunden in Verdacht nehmen, weil der sein Verbrauchsverhalten geändert haben könnte (der vormals zwei Köpfe umfassende Haushalt ist plötzlich um zwei Kinder gewachsen mit entsprechend höherem Warmwasser- und Heizungsbedarf).

Da legt man sich doch lieber gar nicht fest, dann kann einem später der Kunde auch nicht ans Bein pinkeln!

Dann sollten wir uns allerdings nicht wundern, wenn die Konsumenten ihre Heizungen nicht erneuern und Installateure lieber teure Bäder ausstatten als „komplizierte“ Heizungssysteme mit all ihren Unsicherheiten zu verkaufen.

Vertrauen schaffen bei Kunden

Wenn wir die Konsumenten für unsere Produkte gewinnen wollen, dann müssen wir offensiv die Energiewerte und Kosten unserer Heizungssysteme kommunizieren. Die Early Adopters regenerativer Wärmesysteme waren noch an den technischen Details interessiert (Röhren- oder Flachkollektor? Stratifiziert dieser Tank besser als jener? usw). Die breite Masse – und die wollen wir erreichen – interessiert aber nur dies: Wie viel konventionelle Energie wird voraussichtlich benötigt? Wie viel CO2 produziere ich? Und vor allem: Was wird es kosten?

Vielleicht brauchen wir auch noch ein paar neue Anbieter und Business Modelle, damit der Kunde mal sieht, was möglich ist. Interessant finde ich einige Miet-/Contracting-Angebote von Stadtwerken, u.a. „HeizungRundum“ von EnBW – da übernimmt der Versorger das neue Heizungssystem, stellt es gegen Miete über 10 Jahre zur Verfügung und ist so lange auch komplett dafür verantwortlich.

Oder natürlich neue Player im Installationsmarkt, wie Thermondo, die den Kauf einer neuen Heizung komplett ins Internet verlagert haben. Sie vermitteln dabei die Kunden nicht einfach an lokale Installateure sondern bauen und gewährleisten selbst die Heizungssysteme. Und: Sie wagen es, das ganze zum Festpreis zu tun – vorab, ohne Besuch beim Kunden. Das ist ein kalkuliertes Risiko, von dem aus es nicht mehr weit ist zu einer Garantie der Performanz des Systems. Diese Beispiele fokussieren noch meist auf konventionelle Heizungssysteme. Aber Solarthermie ist schon hinzu wählbar und es gibt keinen Grund, warum solche Modelle nicht auch für die Solarthermie insgesamt funktionieren sollten.

Ich bin mir sicher: Transparenz und Verantwortlichkeit werden Vertrauen schaffen. Vertrauen, dass unsere Produkte das liefern, was wir versprechen. Dann werden wir auch mehr (solare) Heizungssysteme in die deutschen Heizungskeller bringen.

Über den Autor

Uwe Trenkner

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