Gastbeitrag

Zukunft Stadtwerke: Was die Stadtwerke treibt und worüber Stadtwerke (leider) nicht nachdenken

Zukunft Stadtwerke 2016
Dr. Stefan Ferber von Bosch Software Innovations GmbH, Foto: Malte Prien

Gastbeitrag von Urte Zahn, smartB Energy Management GmbH

Zukunft Stadtwerke 2016
Dr. Stefan Ferber von Bosch Software Innovations GmbH, Foto: Malte Prien

Um die Stadtwerke scheint es nicht gut zu stehen. Die Lektüre von Fachzeitschriften, Besuche von Branchenverstaltungen (z.B. Fichtner Talks „Vernetzte Stadtwerke“) oder die geführten Gespräche mit Vertretern und Experten nähren diesen Eindruck. Die Marge mit „Commodity Strom“ sinkt und die Energieversorger kämpfen mit fallenden Erlösen. Energieautarkie und Energieautonomie treiben die Emanzipation vom Energieversorger. Die strategische Diskussion dreht sich um die Frage, wie sieht ein Stadtwerke-Geschäftsmodell in der Zukunft aus bzw. welche Rolle spielen die Stadtwerke (noch) in einer intelligenten Energiezukunft?

Prozessinnovation und Kostensenkung sind nicht die Antwort auf die heutigen Herausforderungen

Für diese Diskussion werden kreatives und innovatives Denken gefordert. Zu beobachten ist allerdings, dass das worüber gesprochen wird, nicht die Antwort auf neue Geschäftsfelder und neue Geschäftsmodelle ist, sondern dass es sich um Prozessinnovation und Kostensenkung dreht. Alles mit der klassischen betriebswirtschaftlichen Logik: Produzieren und Einkaufen, Vorhalten und Transportieren, Verteilen und Verkaufen. Im Idealfall bleibt am Ende eine positive Marge plus Wachstum.

Es werden also Einkaufsstrategien entwickelt, im Rahmen derer die Energiebeschaffung analysiert sowie Preis- und Tarifstrukturen überarbeitet werden. Es werden Optimierungspotentiale identifiziert und gehoben. Die Strombeschaffung und das Erzeugungsportfolio wird reorganisiert. Schließlich werden hier die Innovationen als der wichtige Beitrag zur Steigerung der Wirtschaftlichkeit und Verfügbarkeit gesehen.

Zeiten ändern sich und damit auch die Zukunft

Dieses Denken wird fortgesetzt mit Überlegungen zu Speichertechnologien, Sektorenkopplung sowie der Planung und Gestaltung von Energiesystemen und Infrastruktur. Strategische Überlegungen drehen sich um das Zurückkaufen, das Behalten oder das Veräußern von Energienetzen. Und am Ende dieser Logik wird nach neuen Vertriebschancen gesucht. Denn wenn mehr Strom verkauft wird, dann wird auch mehr Umsatz gemacht.

Um das klarzustellen: ohne diese betriebswirtschaftliche Logik würde ein Unternehmen nicht funktionieren. Daher sind die Themen und Diskussionen zu Produzieren, Einkaufen, Vorhalten, Transportieren, Verteilen und Verkaufen auch immer richtig und wichtig. Sie wären der Schlüssel zu der Zukunftsfrage, wenn alles so bleiben würde, wie es immer schon war. Aber die Zeiten ändern sich und damit auch die Zukunft. Die Stadtwerke stecken in einem Dilemma: alles was die Stadtwerke bisher richtig gemacht haben, um erfolgreich zu sein, ist Teil des Problems, warum die Stadtwerke in Zukunft als als bedrohte Spezies bezeichnet werden könnten. Das Stadtwerke-Denken ist nicht mehr zeitgemäß.

Startups machen den Wandel vor und bedrohen das klassische Stadtwerk

Um den tiefgreifenden Wandel zu begegnen, ist es notwendig den Endkonsumenten zu verstehen. Die „Kundenbrille“ aufsetzen, denn „ausschlaggebend für den Geschäftserfolg wird es sein“, die Welt eben durch diese zu verstehen. Alarmierend hier, das die meisten Stadtwerke gar keine Ahnung haben, wie die „Energiewende aus Kundensicht“ aussieht und was sich die Kunden an „vernetzten Services“ wünschen.

Für die Zukunft der Stadtwerke muss also darüber nachgedacht werden, wie neue, andere Geschäftsfelder aussehen könnten. Die Stadtwerke dürfen nicht abwarten und so weitermachen wie bisher. Dafür sollten die Stadtwerke die Angst ablegen, das neue Dienste und Angebote, eventuell nicht funktionieren. „Fail fast, fail early“ machen die Start-Ups vor und entwickeln so die “disruptiven” Geschäftsmodelle, die, zunächst belächelt, dann aber das klassische Stadtwerk bedrohen.

Zukunft liegt im Plattformdenken und Stadtwerke wären ideale Plattformen

Die klassische Wertschöpfungskette wird durch das Plattformdenken abgelöst. Stefan Ferber von Bosch hatte auf den Fichtner Talks dazu eine hübsche Folie, die die Unterschiede zwischen Wertschöpfungskette und Plattform darstellte. Spannend daran, die Stadtwerke beherrschen das heute bereits alles. Untereinander sind die Stadtwerke, Energieversorger, Netzbetreiber, Energieproduzenten bestens vernetzt. Es werden Daten ausgetauscht, Kommunikation ist digitalisiert, Prozesse automatisiert. Die Stadtwerke exerzieren Plattformdenken par exellence. So schaffen die Stadtwerke Versorgungssicherheit und Netzstabilität heute und in der Zukunft. Jetzt könnten die Stadtwerke doch dieses Plattformdenken nehmen und mit der gleichen Geisteshaltung die Beziehung zu ihren Kunden organisieren. Nein, hier herrscht wieder Wertschöpfungsdenken. Nur weil es die letzten 100 Jahre so nicht gemacht wurde und nur weil der Kunde nicht bereit ist, einen höheren Preis zu bezahlen. Stadtwerke sollten nicht versuchen, die Zukunft auszureden. Stadtwerke sollten versuchen die Zukunft auszuprobieren.

Über den Autor

Andreas Kühl

Ich bin Energieblogger aus Leidenschaft mit einem großen Faible für Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Mit energynet.de betreibe ich einen der bekanntesten und einflussreichsten Energieblogs im deutschsprachigen Raum. Innovationen für die Energiewende in Technologien und Geschäftsmodellen sind meine aktuellen Schwerpunktthemen.

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