Energieeffizienz

Kein Grund sich auszuruhen bei Energieeffizienz in Deutschland

Steve Nadal aceee scorecard
Steve Nadal präsentiert die ACEEE Energy Efficiency Scorecard, Foto: Andreas Kühl
Steve Nadal präsentiert die ACEEE Energy Efficiency Scorecard, Foto: Andreas Kühl
Steve Nadal präsentiert die ACEEE Energy Efficiency Scorecard, Foto: Andreas Kühl

Deutschland sieht sich selbst als Vorreiter in Sachen Energieeffizienz. Da gab es ja im letzten Jahr die Bestätigung durch den amerikanischen Think-Tank für Energieeffizienz ACEEE, der Deutschland wenige Tage nach der Fußball-Weltmeisterschaft als Energieeffizienz-Weltmeister kürte. Unter den 16 führenden Nationen in der Weltwirtschaft belegte Deutschland den ersten Rang in der Auswertung der Energieeffizienz – vor allem durch die führende Position im Bereich der Industrie.

Ist das heute so nachvollziehbar und wie sieht ein europaweiter Vergleich der Energieeffizienz aus? Weitere Kriterien, neben Gebäuden, Industrie und Transport, wären die Entwicklung der Effizienzfortschritte und die aktuelle Effizienzpolitik.

Deutschland wird da auch gut abschneiden, aber in der Führungsposition?

Deutschland nur auf Platz 4 im europäischen Energieeffizienz-Ranking

Nach den Untersuchungen des Fraunhofer ISI im europäischen Rahmen mit dem Energieeffizienzindex ODEX erreicht Deutschland nur Platz 4 unter den Ländern der EU. So stehen bei den Energieeffizienzfortschritten in den vergangenen Jahren andere Länder an der Spitze – darunter Großbritannien, die Niederlande sowie einige mittel- und osteuropäische Mitgliedstaaten.

Bescheidene Fortschritte in der Energieeffizienz

Bei vielen dieser Länder war zwar Ausgangsniveau niedriger und der Nachholbedarf deutlich höher, doch für den Erfolg der deutschen Energiewende wäre eine jährliche Verbesse­rungsrate von 2 Prozent im Jahr notwendig, statt den bisherigen durchschnittlichen 1 Prozent. Deutschland liegt hier unter dem EU-Durchschnitt von 1,3 Prozent und damit auf Platz 18. Bei der Charakterisierung der bisherigen Energieeffizienzpolitik schneidet Deutschland hingegen gut ab und liegt auf Platz 3 hinter Bulgarien und Kroatien.

In den Auswertungen werden außerdem deutliche Unterschiede in den Energieeffizienzfortschritten der einzelnen Sektoren zwischen 2000 und 2012 sichtbar.

Dr. Wolfgang Eichhammer vom Fraunhofer ISI: „Deutschland steht im Haushaltsektor auf Platz 14, beim verarbeitenden Gewerbe auf Platz 24 und im Transportsektor auf Platz 5.“

Spitzenplatz im Industriektor vor allem durch Strukturwandel

Der ODEX ist eine Art „Dow Jones“ der Energieeffizienz und bündelt die Effizienzfortschritte in den verschiedenen Sektoren in einem Gesamtindi­kator. Vor allem im Industriesektor, führt Eichhammer aus, war die Entwicklung in Deutschland in den letzten 15 Jahren eher durch Strukturverschiebungen zu weniger energieintensiven Industrien gekennzeichnet, denn durch Effizienzfortschritte im eigentlichen Sinne, wie beispielsweise die energetische Optimierung von Industrieanlagen und Querschnittstechnologien wie Elektromotoren und deren Anwendung.

Ökonomische Potenziale für weitere Verbesserungen der Energieeffizienz sind laut Eichhammer durchaus vorhanden: „Bis 2030 könnte die Energienachfrage im Vergleich zu heute noch um 25% vermindert werden. Dies ist auch nötig, wenn bis Mitte des Jahrhunderts, wie im Energiekonzept gefordert, der Primärenergiebedarf halbiert werden soll. Hierzu bedarf es weiterer substantieller Anstrengungen der Politik.“

Luft nach oben für Energieeffizienz in Deutschland

Auch Steven Nadel, Direktor des American Council for an Energy Efficient Economy (ACEEE), das letzten Sommer mit seiner Internationalen “Score Card” den Spitzenplatz unter den 16 größten Wirtschaftsräumen der Welt an Deutschland vergab, räumt ein: „Deutschland und die Europäische Union sind sozusagen einäugige Energieeffizienzkönige unter den Blinden. Von möglichen 100 Punkten für Energieeffizienz wurden in Deutschland nur 65 erreicht. Das zeigt, dass noch Luft nach oben ist, Energieeffizienz wirtschaftlich voranzutreiben.“

Effizienzbranche fordert konsequente Umsetzung des NAPE

Umso wichtiger ist es, dass die mit dem Nationalen Aktionsplan Energieeffizienz (NAPE) Ende Dezember 2014 beschlossenen Politikvorhaben schnell umgesetzt werden – sowohl aus Sicht der Wissenschaftler als auch deutscher Unternehmen, die als Anbieter von Energieeffizienzdienstleistungen und -produkten gut aufgestellt sind.

Christian Noll, geschäftsführender Vorstand der Deutschen Unternehmensinitiative Energieeffizienz e.V. (DENEFF): „Die globale Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands profitiert enorm von einer konsequenten Umsetzung der beschlossenen Energieeffizienzvorhaben – sowohl als Energieverbraucher als auch Anbieter von Energieeffizienzlösungen. Damit wir wieder Energieeffizienzweltmeister werden und es langfristig bleiben, braucht es aber eindeutig mehr Planungssicherheit und höchste politische Priorität für Energieeffizienz.“

Effizienz der Energieeffizienzpolitik muss mehr überprüft werden

Für mich stellt sich auch die Frage nach der Wirksamkeit der Effizienzpolitik. Wenn die Effizienzpolitik gut bewertet wird im europäischen Vergleich, aber die Effizienzfortschritte unter dem Durchschnitt liegen, dann kann etwas nicht stimmen. Auf die Wirksamkeit, bzw. die Effizienz der Energieeffizienzpolitik muss künftig besser geachtet werden. Hierfür bietet sich eine solche Bewertung, wie der ODEX, im jährlichen Rhythmus an.

Über den Autor

Andreas Kühl

Ich bin Energieblogger aus Leidenschaft mit einem großen Faible für Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Mit energynet.de betreibe ich einen der bekanntesten und einflussreichsten Energieblogs im deutschsprachigen Raum. Innovationen für die Energiewende in Technologien und Geschäftsmodellen sind meine aktuellen Schwerpunktthemen.

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