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Passen energetische Gebäudesanierung und Baukultur zusammen?

Historische Fassade
Wer will schon, dass solche Fassaden hinter Wärmedämmung verschwinden? Foto: pixabay.com/ stux
Historische Fassade
Wer will schon, dass solche Fassaden hinter Wärmedämmung verschwinden? Foto: pixabay.com/ stux

Es gibt Gesprächsbedarf in Sachen Gebäudesanierung. Da muss noch viel diskutiert werden, nicht nur über die Frage wer am Desaster mit dem Nichtzustandekommen der steuerlichen Förderung die Schuld trägt. Die Probleme stecken ja viel tiefer und die Steuer-Förderung kommt ja nur Eigentümern zugute, die ihr Haus, bzw. ihre Wohnung auch selbst bewohnen. Kaum ein Bereich der Energiewende hat so große Akzeptanz-Probleme wie die energetische Gebäudesanierung. Die Kritiker finden sich überall, selbst unter Anhängern der Energiewende.

Diese Probleme kann man nicht mit der steuerlichen Förderung beiseite schieben, die bleiben weiterhin bestehen. Aber sind sanierte Gebäude mit gedämmter Fassade unsozial, hässlich und sinnlos? Tragen sie zu einem Verfall der Baukultur bei? Dazu hatte in der vergangenen Woche der Gesamtverband Dämmstoffindustrie e.V. (GDI) in Berlin zu einer Diskussionsrunde eingeladen, die durchaus kontrovers war und viele der Kritikpunkte angesprochen hat.

Im Auftrag des GDI habe ich die Veranstaltung für Außenstehende per Twitter begleitet und schreibe diesen Bericht.

Diskussionsveranstaltung des GDI: Ist Dämmung unsozial, sinnlos und hässlich?

Diskussionvsveranstaltung des Gesamtverbandes Dämmstoffindustrie e.V. in Berlin über Baukultur, Foto: Andreas Kühl
Diskussionvsveranstaltung des Gesamtverbandes Dämmstoffindustrie e.V. in Berlin über Baukultur, Foto: Andreas Kühl

Geleitet wurde die Runde von Nick Reimer als Moderator, er ist Journalist, Buchautor und vor allem als Gründer von klimaretter.info bekannt. Mit ihm diskutiert haben Andreas Otto, Mitglied des Berliner Abgeordnetenhauses von Bündnis 90/ Die Grünen und Vorsitzender des Ausschusses für Bauen, Wohnen und Verkehr , die Kasseler Architekten Barbara Ettinger-Brinckmann, die seit September 2013 Präsidentin der Bundesarchitektenkammer ist, sowie Lukas Siebenkotten, Direktor des Deutschen Mieterbundes.

Bezug von Gebäudesanierung zum Klimaschutz fehlt

Eigentlich müsste man denken, wenn man den Energieverbrauch reduziert, leistet man einen Beitrag zum Klimaschutz. Dennoch hat Andreas Otto zu Beginn angesprochen, dass für viele Menschen heute der direkte Bezug von der Gebäudesanierung zum Klimaschutz fehle. Vielleicht ist Klimaschutz generell zu weit weg und unkonkret für die heutige Welt – profitieren vom Klimaschutz werden eher die künftigen Generationen, die aber auch die Folgen unserer Generation tragen müssen. Für volkswirtschaftliche Vorteile, wie Arbeitsplätze im Handwerk und Unabhängigkeit von Energieimporten fehlt meistens ohnehin der persönliche Bezug.

Wo bleibt die Einsparung bei Sanierungen?

Wir würden heute viel mehr profitieren von Sanierungen, wenn die Wohnfläche nicht gleichzeitig steigen würden oder die Raumtemperaturen nicht nach der Sanierung steigen, so Barbara Ettinger-Brinckmann. Liegt das an einem natürlichen Drang nach immer höherem Wohlfühlfaktor, nach immer mehr Platz? Auf die Gründe wurde nicht weiter eingegangen, ich kann es mir auch nicht anders erklären. Die höheren Temperaturen sind ja gerade zu Wasser auf die Mühlen der Dämmungs-Kritiker. Eigentlich müssten höhere Oberflächen-Temperaturen der Außenwände für sich schon zu mehr Behaglichkeit führen. In der errechneten Einsparung liegt noch ein weiteres Problem. Hier wird häufig ein theoretischer Wert errechnet, der nicht in Bezug steht zum realen Energieverbrauch. Wenn die errechnete Einsparung so hoch ausfällt wie der reale Verbrauch, kann doch etwas nicht stimmten. Anscheinend gibt es immer noch viele Fälle ohne Prüfung der Plausibilität. Das erweckt den Anschein, dass die Energieeffizienz nur vorgeschoben wird als Alibi oder als Sündenbock und, wenn man ehrlich ist, handelt es sich um eine Luxus-Sanierung.

Unterschiedliche Interessen von Eigentümer, Vermieter und Mieter

Mit diesem Stichwort der Luxus-Sanierung, sind wir schon in der Aufteilung der Zielgruppen in der Diskussion. Eigentümer von selbstgenutzten Wohnungen oder Häuser haben ganz andere Bedürfnisse als Mieter oder Vermieter von Wohnungen. Die Besitzer von Einfamilienhäusern sind häufig deutlich über 50 Jahre alt und wollen schneller von Sanierungen profitieren und nicht nur für die Erben investieren. Da wäre die steuerliche Förderung ein geeignetes Instrument gewesen.

Bei Mietwohnungen machte Lukas Siebenkotten auf ein Problem aufmerksam, das mir neu war und für Mieter häufig ein erhebliches Problem darstellt. Die gesetzlich erlaubte Umlage von Sanierungskosten auf die Miete von 11 Prozent bezieht sich auf die Investitionssumme und ist unabhängig von der Höhe der Miete vor der Sanierung oder einer lokalen Vergleichsmiete. Damit wird deutlich warum Mieter oft ein Problem haben mit Sanierungen. Auch in diesem Fall scheint die energetische Sanierung nur vorgeschoben zu werden, wie schon in dem anderen Beispiel. Energieeffizienz wird wieder zum Sündenbock und Mieter werden sauer, wenn die Mietsteigerung so hoch ausfällt, dass die Miete nicht mehr bezahlbar ist und auch nicht durch eingesparte Energiekosten refinanziert werden kann.

Als Lösung kann nur eine politische Regelung helfen, zumal die Umlage der Sanierungskosten aus einer Zeit stammt, die weit vor den energetischen Sanierungen liegt. Der Mieterbund fordert daher eine Abschaffung der Investitionsumlage oder zumindest eine Absenkung. Erhöhungen der Miete dürfen sich nur an der zu erwartenden Einsparung orientieren, so Lukas Siebenkotten. Das würde auch das Problem lösen mit den höheren Temperaturen nach der Sanierung, denn dass muss der Mieter selbst tragen.

Doch woran orientiert man sich, am realen Verbrauch vor der Sanierung oder am theoretischen Wert. Die zu erwartende Einsparung ist ja auch ein theoretischer Normwert. Wie bringt man die Praxis in die theoretischen Normen, die wenigstens eine Vergleichbarkeit herstellen können? Dies ist das gleiche Problem wie beim Energieausweis mit dem theoretischem Bedarf oder dem realen Verbrauch, der vom Nutzungsverhalten abhängig ist.

Optik von Sanierten Gebäuden

So wie bei den Mieten Schindluder getrieben wird, ist es auch in der Optik der sanierten Gebäude mit einem Wärmedämmverbundsystem. Frau Ettinger-Brinckmann betonte Architekten können sehr gut mit gedämmten Fassaden umgehen. Heute werden wieder gestalterische Elemente, wie Verzierungen, Stuck oder Verzüge in der Gestaltung von Fassaden eingesetzt. Es gibt auch positive Beispiele für die Verbesserung der Baukultur in Städten, wie in Kassel. Aber leider sind auch viele negative Beispiele zu verzeichnen mit gleichförmige Fassaden und verloren gegangenen Verzierungen oder Ornamente.

Problematisch sind die, scheinbar günstigen, Lösungen aus dem Baumarkt, die suggerieren es könne jeder Fassaden dämmen. Weiter betonte die Präsidentin der Bundesarchitektenkammer, dass mit einem guten Architekt die Verschönerung der Fassade nicht mehr kosten müsse. Ohnehin hätten Häuser, die gut gestaltet sind, eine längere Lebensdauer.

Qualität durch gute Beratung

Fehlt es also an Qualität in der Planung und Umsetzung von energetischen Sanierungen? Wäre das Problem mit Sanierungen dann gelöst? Nach den Argumenten, die zu hören waren, scheint Qualität ein wesentlicher Aspekt zu sein. Auch in der Energieberatung ist qualitative und unabhängige Beratung gefragt. Aber wer möchte das bezahlen? Positive Beispiele von gut geplanten und ausgeführten Sanierungen, die Mieter nicht zusätzlich belasten gibt es zahlreich. An diesen Sanierungen sollte man sich orienteren, dann kommt man weiter, so Lukas Siebenkotten. Doch diese stammen meist von größeren Gesellschaften. Auch kleinere Eigentümer müssen erreicht werden.

Wie geht es weiter mit energetischen Sanierungen?

Es würde vieles angesprochen. Aber wie kommt man nun weiter mit der energetischen Geböudesanierung? Und ist das Ende der Anforderungen im Ordnungsrecht erreicht? Sollten weitergehende Sanierungen freiwillig bleiben? Und sollte die Energieeinsparveordnung (EnEV) das Nutzungsverhalten berücksichtigen? Was ist mit dem ökologischen Fußabdruck der Baustoffe? Diese Fragen wurden nur angesprochen. Es gibt noch viele Themen zu diskutieren. Einiges wurde angesprochen in der Veranstaltung, manches blieb noch offen. Jetzt wird aber zumindest offen diskutiert, das ist ein großer Fortschritt und besser als eine pauschale Polemik oder Übertreibung – von welcher Seite auch immer.

Weitere Diskussions-Runden zur Gebäudesanierung

Vom GDI sind weitere solche Veranstaltungen angekündigt. Ich finde es wichtig, offen die Probleme anzusprechen – in einem sachlichen Austausch. Ohne Hysterie und Polemik kann man den Anliegen der beteiligten Gruppen sicher besser gerecht werden. Zu einer ähnlichen Runde, bei der alle Teilnehmer eingeladen sind sich offen an der Diskussion zu beteiligen, lade ich gemeinsam mit Energieblogger Kilian Rüfer auf den Berliner Energietagen ein. Wie im vergangenen Jahr wird es wieder einen Open Table geben zur energetischen Gebäudesanierung. Am 27.04. um 17.30 Uhr geht es im gleichen Raum, wie auch im letzten Jahr, um die Kommunikation für unterschiedliche Zielgruppen und ihre Bedürfnisse. Wir freuen uns wieder auf viele Diskussions-Teilnehmer.

Schaffen wir die Ziele der energetischen Gebäudesanierung?

Zum Schluss stellte Nick Reimers noch die Frage, ob wir die Ziele in der energetischen Gebäudesanierung schaffen werden. In der Antwort waren sich die Gäste auf dem Podium nicht einig. Nur darin, dass wir mehr tun müssen für Akzeptanz, besonders im sozialen Bereich, wir brauchen auch mehr Qualität und bessere Rahmenbedingungen sowohl für Investoren, als auch für betroffene Mieter.

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Über den Autor

Andreas Kühl

Ich bin Energieblogger aus Leidenschaft mit einem großen Faible für Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Mit energynet.de betreibe ich einen der bekanntesten und einflussreichsten Energieblogs im deutschsprachigen Raum. Innovationen für die Energiewende in Technologien und Geschäftsmodellen sind meine aktuellen Schwerpunktthemen.

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