International Sanierung

Läuft was schief bei einer Amortisationsdauer von mehr als 50 Jahren in energetischen Gebäudesanierungen?

Harald Wögerbauer, Mitglied des europäischen Rechnungshofes auf der Pressekonferenz
Harald Wögerbauer, Mitglied des europäischen Rechnungshofes auf der Pressekonferenz
Harald Wögerbauer, Mitglied des europäischen Rechnungshofes auf der Pressekonferenz
Harald Wögerbauer, Mitglied des europäischen Rechnungshofes auf der Pressekonferenz

Gestern hat der europäische Rechnungshof eine Pressemeldung veröffentlicht, die mich sehr verwundert hat. Mir ist durchaus bewusst, dass energetische Sanierungen sich manchmal erst in einigen 20 oder mehr Jahren rechnen. Aber wenn von 50 oder gar in Extremfällen von 150 Jahren geschrieben wird, dann muss man mal fragen ob nicht was schief läuft.

In der Meldung hatte der Rechnungshof von der Prüfung berichtet, die untersucht hat, ob die im Rahmen der Kohäsionspolitik getätigten Investitionen in die Energieeffizienz kostenwirksam waren“.  Kohäsionspolitik bedeutet in der EU, laut Wikipedia, eine Umverteilung zwischen reicheren und ärmeren Regionen als Ausgleich einer ungleichen wirtschaftlichen Entwicklung. Demnach ist davon auszugehen, dass die Mittel der EU vor allem in osteuropäische Länder geflossen sind. Weiter unten werden konkrete Länder, die untersucht wurden, genannt.

Energiesparziele fehlten für die Sanierungen

Im Rahmen der Kohäsionspolitik hat die EU seit dem Jahr 2000 den Mitgliedsstaaten fast fünf Milliarden Euro zur Kofinanzierung von Energieeffizienzmaßnahmen bereit gestellt. Die ausgewählten Projekte hatten jedoch dem Bericht zufolge keine rationalen Ziele in Bezug auf die Energieeinsparung. Man hat die Projekte nicht nach dem möglichen finanziellen Vorteil durch eingesparte Heizkosten ausgewählt, sondern vielmehr nach allgemeinem Sanierungsbedarf entschieden.

Es gab wohl auch keine Berechnungen des Potentials der Energieeinsparungen, so berichtet Harald Wögerbauer für den europäischen Rechnungshof. Die Frage der Energieeffizienz, für die die Mittel der EU eigentlich gedacht waren, hat im Entscheidungsprozess allerhöchstens die zweite Rolle gespielt, nach der Steigerung des Komforts. Da wird vermutlich die Planung der Sanierung entsprechend ausgefallen sein.

Dann wundert man sich dann nicht mehr über die geplante Amortisationsdauer der Investitionen von 50 Jahren oder in Einzelfällen gar von  150 Jahren. Von einer sinnvollen Verwendung der Mittel kann man wirklich nicht mehr sprechen, das Portal für europäische Nachrichten euractiv.de spricht hier ganz offen von Verschwendung der EU-Gelder. Messergebnisse bzw. ausführliche Planungen der Einsparungen sollten dazu gehören bei Sanierungen, bei 75% der geprüften Objekte konnte nicht nachgewiesen werden, inwiefern die Ziele der Energieeinsparung erreicht wurden – zuverlässige Messungen dazu gab es nicht.

„Zwar wurden bei allen geprüften Projekten die geplanten physischen Outputs (wie das Erneuern von Fenstern und Türen oder Wand- und Dachisolierungen) erbracht, allerdings zu gemessen an den potenziellen Energieeinsparungen hohen Kosten. Wichtiger als die Energieeffizienz war die Notwendigkeit, die öffentlichen Gebäude zu sanieren. Ziel der geprüften Projekte war, Energie einzusparen und den Komfort zu verbessern, ein gutes Verhältnis zwischen Energieeinsparungen und damit verbundenen Investitionskosten wurde dabei jedoch nicht erzielt. Die geplante durchschnittliche Amortisationsdauer der Investitionen lag bei etwa 50 Jahren, was in Anbetracht der Lebensdauer der sanierten Komponenten und sogar der Gebäude selbst viel zu lang ist.“

Positive Beispiele gibt es aber auch in nicht geprüften Staaten. In Dänemark sollte die Amortisationsdauer von Energieeffizienz-Maßnahmen höchstens fünf Jahre betragen. Bei Sanierungen in Flandern (Belgien) dürfen sich die Maßnahmen höchstens in sieben Jahren amortisieren, wenn die Umsetzung innerhalb von drei Jahren beginnt.

In den untersuchten Ländern Tschechien, Italien und Litauen, die die höchsten Mittel erhalten haben, fehlte bereits in den Programmen ein sinnvolles Energiesparziel.

„Energieprüfungen waren entweder nicht obligatorisch (Italien, Litauen) oder wenn sie vorgeschrieben waren (Tschechische Republik), wurden darin viel zu kostenintensive Investitionsoptionen empfohlen. Bei 18 der 24 geprüften Projekte konnten die tatsächlichen Energieeinsparungen nicht überprüft werden, weil keine zuverlässigen Messungen vorgenommen worden waren.“

Es geht hier meines Erachtens vor allem um eine Zweckentfremdung der Mittel, da es andere Prioritäten bei den Sanierungen gab. Die Schlussfolgerung von Herrn Wögerbauer, dass man Ziele von einer Amortisationsdauer von fünf oder zehn Jahren festschreiben muss, sonst sind die eingesetzten Mittel verloren.

„Um bei den Investitionen in die Energieeffizienz Verbesserungen zu erzielen, empfiehlt der Hof der Kommission, die im Rahmen der Kohäsionspolitik gewährte Förderung für Maßnahmen zur Steigerung der Energieeffizienz von einer angemessenen Bedarfsanalyse, einer regelmäßigen Begleitung und der Verwendung vergleichbarer Leistungsindikatoren abhängig zu machen. Weitere Voraussetzungen sollten transparente Projektauswahlkriterien und Standardinvestitionskosten je einzusparender Energieeinheit bei einer maximal zulässigen einfachen Amortisationsdauer sein.“

Wie sieht es in der Baupraxis mit der Amortisation von Energieeffizienz-Maßnahmen aus?

Wie sieht es bei Sanierungen in der Praxis aus? Wird auf die  Amortisation von Energieeffizienz-Maßnahmen geachtet und wie lange ist die Amortisationsdauer von umfassenden energetischen Sanierungen?

Das Video wird nach einigen Tagen nicht mehr zur Verfügung stehen. Das Dokument des Rechnungshofes steht aber noch länger zur Verfügung.

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Über den Autor

Andreas Kühl

Ich bin Energieblogger aus Leidenschaft mit einem großen Faible für Energieeffizienz und erneuerbare Energien. Mit energynet.de betreibe ich einen der bekanntesten und einflussreichsten Energieblogs im deutschsprachigen Raum. Innovationen für die Energiewende in Technologien und Geschäftsmodellen sind meine aktuellen Schwerpunktthemen.

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