Wie Erneuerbare Energien kommunale Finanzen retten können
Zahlreiche Kommunen geraten durch den Ausstieg aus der Gasversorgung und die steigende Zahl an kommunalen Aufgaben unter Druck. Ihre Haushalte befinden sich in finanzieller Schieflage und die wirtschaftlichen Aussichten sorgen für weitere Unsicherheit – eine Trendwende ist laut der Experten noch nicht in Sicht. Liegt in der Transformation der Energieversorgung eine große Chance für Kommunen und ihre Finanzen?
Die Zusammenhänge erläutert die Transformations-Expertin Anja Floetenmeyer-Woltmann in ihren Vorträgen über die Transformation als Standortfaktor. Für diesen Beitrag hat sie meine Fragen zur Bedeutung der erneuerbaren Energien für Kommunen beantwortet.
Inhalt
Kommunale Finanzen und Energieversorgung
Die Energieversorgung hat schon lange einen spürbaren Einfluss auf die kommunalen Finanzen. Ob direkt über Konzessionsabgaben oder indirekt über Stadtwerke, die am Verkauf von Strom und Gas verdienen – diese Einnahmen haben es Städten und Gemeinden ermöglicht, wesentliche Ausgaben ihres Haushalts zu finanzieren. Allerdings sind die Erlöse aus dem Stromverkauf infolge des zunehmenden Wettbewerbs und sinkender Margen bereits deutlich zurückgegangen.
Auch das Geschäft mit Gas hat keine Zukunft mehr. Durch steigende Kosten und den Wunsch nach Klimaschutz und Unabhängigkeit werden sich in spätestens 10 Jahren die Hälfte der Kunden vom Gasnetz abkoppeln. Für die verbleibenden Kunden wird Gas dadurch noch teurer. Damit werden sich weitere Kunden vom Gas verabschieden. Die Netzbetreiber werden in den nächsten Jahren Pläne zur Stilllegung ihrer Netze erarbeiten. Für die Kommunen brechen erneut wichtige Einnahmequellen weg.
Doch in der neuen Art der Energieversorgung stecken neue Potenziale – lokale Wind- und Solaranlagen. Städte und Gemeinden, die sich geschickt um den Bau neuer Anlagen bemühen, können hohe Einnahmen erzielen und kommunale Ausgaben finanzieren bzw. Schulden abbauen.
Interview zur Transformation als Standortfaktor
Seitdem ich die Kenyote von Anja Floetenmeyer-Woltmann zur Transformation als Standortfaktor (Video-Aufzeichnung) auf dem SummerSID gesehen habe, beschäftigt mich dieses Thema. Umso mehr freue ich mich, dass sie meine Fragen dazu beantwortet hat.

Kommunen stehen vor einer Vielzahl an Aufgaben. Manche weigern sich, sich mit der Wärmewende zu beschäftigen. Warum ist das ein Fehler?
Anja Floetenmeyer-Woltmann: Weil sie ihre Bürger mit massivem Wissensdurst alleine lassen. Die Debatte hat sich gedreht: Die Menschen wollen nicht mehr diskutieren, OB Wärmepumpe, sondern WIE. Die Zielgruppe 52+ fordert aktiv Klimaschutz. In Hannover kamen über 1.000, in Lübeck 800 Menschen zu unseren Wärmepumpen-Infotagen. Je früher Bürgerinnen und Bürger auf moderne Wärme umschwenken, umso mehr Fördergelder fließen in die Kommune, Energiekosten sinken und das Gewerbe wird stark gefördert. Auch Stadtwerke können hier ins Wärmegeschäft einsteigen – was leider noch die wenigsten professionell tun.
Und warum sollten sich Kommunen mit erneuerbaren Energien beschäftigen?
Weil sie sonst Millionen-Einnahmen liegen lassen. Energie war schon immer ein Standortfaktor – früher Wasserräder, heute günstige erneuerbare Energie vor Ort. Wer heute nicht handelt, verliert morgen Gewerbesteuer und Arbeitsplätze an Kommunen, die ihre Flächen für Wind und Solar nutzen.
Wie können Kommunen konkret vom Ausbau der erneuerbaren Energien profitieren?
Dreifach: Pachteinnahmen aus eigenen Flächen, Gewerbesteuer von Anlagenbetreibern, günstige Energie für kommunale Gebäude und Fuhrpark. Dazu kommen Direktleitungen zu energieintensiven Betrieben – das ist Wirtschaftsförderung pur.
Wie viel können Städte mit erneuerbaren Energien einnehmen? Kannst du Zahlen nennen für eine Stadt mit 30.000 Einwohnern oder gibt es bereits vorzeigbare Beispiele?
Schon knapp 170 Hektar Photovoltaik erwirtschaften in 20 Jahren über 50 Millionen Euro Gewinn. Ich kenne Kommunen mit unter 60.000 Einwohnern, wo ein jährlicher Anlagengewinn von 16,6 Millionen Euro möglich ist. Der Rhein-Hunsrück-Kreis zeigt: Es funktioniert.
Welche Voraussetzungen müssen die Kommunen erfüllen?
Keine besonderen. Jede Kommune kennt ihre Flächen bereits – jahrelang wurde diskutiert, was wo gebaut werden kann. Neu ist nur: Aus diesen Flächen lässt sich heute direkt Wertschöpfung ziehen. Auch ohne eigene Flächen funktioniert es durch kommunale Vernetzung und Gemeinschaftsprojekte mit privaten Eigentümern.
Wie können die Kommunen dies konkret angehen, was können sie tun?
Drei Schritte: Sich die Zahlen angucken. Den Willen zur Transformation klar äußern. Dann alle Akteure an einen Tisch holen – Kommune, private Flächeneigentümer, Versorger, Großverbraucher – und vom Netz und vom Verbrauch aus denken. Wer zügig arbeitet, nimmt die aktuell gute EEG-Förderung mit.
Warum passiert das so wenig? Wie kann man Kommunen unterstützen oder aktivieren?
Erste Hürde: schlecht gemachte Kommunikation. Zweite Hürde: der Mythos, es scheitere am Geld. Die Frage ist nicht „Wer soll das bezahlen?“, sondern „Wer darf investieren?“ – und solche Investoren gibt es genug. Kommunen benötigen klare Zahlen, Erfolgsbeispiele und den Mut, anzufangen.
Über Anja Floetenmeyer-Woltmann

Anja Floetenmeyer-Woltmann ist Strategin für Wärmewende & Klimakommunikation. Sie bringt einen seltenen Hintergrund aus Marketing und Kommunikationspsychologie in die kommunale Praxis ein. Mit den bundesweiten Wärmepumpen-Infotagen – Deutschlands größter Heizungswende-Tour – spricht sie regelmäßig vor bis zu 1.000 Menschen in Sälen, die Gewohnheiten sprengen. Sie evaluiert ihre Veranstaltungen systematisch und erreicht nachweisbar höchste Aktivierungsquoten. Als EU-Wärmepumpen-Beirätin unterstützt sie Kommunen, Verbände und Institutionen durch strategische Beratung, Moderationen und wirkungsstarke Veranstaltungen.
Am 28. und 29. Januar 2026 Januar spricht sie beim Super Impact Day in Lübeck auf der Podiumsdiskussion über den kommunalen Wettbewerbsvorteil für Stadtwerke und in einer eigenen Session darüber, wie systematische Kommunikation Verhalten ändert – und was Stadtwerke damit drehen können.
Gelungene Beispiele für kommunale Einnahmen durch erneuerbare Energien
Erfolgsbeispiele ermutigen Kommunen, diesen Weg zu gehen. Kommunen in unterschiedlichen Regionen Deutschlands zeigen, dass es möglich ist, zusammen mit den Bürgerinnen und Bürgern Solar- und Windenergieanlagen zu errichten, die einen wichtigen Beitrag für den kommunalen Haushalt leisten – zum Wohl der lokalen Bevölkerung.
Heidenrod im Taunus, Hessen
Ein Windpark, den die Gemeinde mit dem örtlichen Energieversorger Süwag und einer lokalen Energiegenossenschaft finanziert hat, erzeugt ausreichend Strom für 26.000 Haushalte. Die Gemeinde Heidenrod hat knapp 8.000 Einwohner, also bilanziell mehr als genug Strom für den gesamten Ort. Sie hält 51 % der Anteile an der Betreibergesellschaft und erzielt dadurch nicht nur Einnahmen aus der Pacht, sondern auch aus den Betriebserlösen. Diese Erlöse hat sie genutzt, um einen großen Teil der Schulden abzubauen, die Grundsteuer zu senken und die Ausstattung der Kita zu verbessern. Die Bürgerinnen und Bürger profitieren darüber hinaus durch günstigen Regionalstrom.
Bidingen in Bayern
Auch ein einzelnes Windrad kann zum Schuldenabbau einer Gemeinde beitragen. In Zusammenarbeit mit einer Nachbargemeinde hat Bidingen im Ostallgäu 2013 eine Windenergieanlage errichtet, die in jedem Jahr einen Gewinn für den kommunalen Haushalt erwirtschaftet. Dieser liegt zwischen 50.000 und 250.000 Euro. Mit Infoveranstaltungen, Pro- und Contra-Argumenten und einem anschließenden Bürgerentscheid haben sie die Unterstützung der lokalen Bevölkerung erreicht. Zusätzlich unterstützt der Energieverein Büdingen lokale Vereine mit Einnahmen aus dem Bürgerwindrad.
Lichtenau in Nordrhein Westfalen
Auch unter Städten mit mehr als 10.000 Einwohnern findet sich ein anschauliches Beispiel für die Bedeutung erneuerbarer Energien für den kommunalen Haushalt. Auf der Fläche der Stadt Lichtenau in Nordrhein-Westfalen stehen 176 Windenergie-, 1.400 Solar- und 4 Biomasseanlagen, die deutlich mehr Strom erzeugen als die Stadt mit rund 11.900 Einwohnern verbraucht. Durch den Betrieb dieser Anlagen erzielt sie jährlich 7 Millionen Euro Steuereinnahmen, die auch in wirtschaftlich schwierigen Jahren für einen Überschuss im kommunalen Haushalt sorgen.
Mühlenfließ in Brandenburg
Ein weiteres Beispiel findet sich in der kleinen Gemeinde Mühlenfließ-Schalach in Brandenburg. Dort erzeugen Windenergieanlagen weit mehr Strom, als die knapp 1.000 Bürgerinnen und Bürger verbrauchen. Eine Besonderheit ist die Aufteilung der Pachteinnahmen an die Grundstücksbesitzer, ohne einzelne zu bevorteilen. Weitere Einnahmen gehen an eine Bürgerstiftung, die gemeinnützige Projekte vor Ort finanziert.
Rhein-Hunsrück-Kreis in Rheinland-Pfalz
Auch Landkreise können die Wertschöpfung aus erneuerbaren Energien für sich ausnutzen, so wie der Rhein-Hunsrück-Kreis – das bekannteste Beispiel in Deutschland. Die Kreisverwaltung hat 2019 begonnen, die regionale Wertschöpfung systematisch zu betrachten. Dazu gehören Aufträge für das lokale Handwerk und Pachteinnahmen aus dem Betrieb der Anlagen. 2018 betrug die kommunale Wertschöpfung 44 Millionen Euro, die kommunale Verschuldung lag 20 % unterhalb des Landesdurchschnitts und die Ortsgemeinden verfügten über hohe Rücklagen. Einen Teil der Einnahmen verwenden die Gemeinden, um Energiesparmaßnahmen und private Photovoltaikanlagen zu finanzieren.
Fazit
Die Energiewende ist eine große Chance für Kommunen, ihre Finanzen und den lokalen Wirtschaftsstandort. Das hat Anja Floetenmeyer-Woltmann in ihren Antworten deutlich ausgeführt. Ein paar ergänzende Beispiele aus der Praxis zeigen verschiedene Möglichkeiten, wie Städte und Gemeinden von erneuerbaren Energien profitieren. Wenn die Menschen vor Ort sehen, dass ein Teil oder der gesamte Gewinn in der Region bleibt, muss man sich keine Sorgen um die Akzeptanz machen.
Der Fokus des weiteren Ausbaus der Solar- und Windenergie in Deutschland sollte daher auf dem Nutzen für die Kommunen liegen. In einigen Bundesländern gibt es kommunale Abgaben für Projektbetreiber, eine der vielen Möglichkeiten, wie Kommunen profitieren können.
Kennen Sie weitere gute Beispiele?

Informativer Artikel mit interessanten Infos über die Interview-Partnerin und Beispielen. Besonders gefreut haben wir uns auch über die Erwähnung von Lichtenau als Beispiel… hier haben wir damals bei der Planung und Bau des Eisspeichers auf dem klima-Campus mitgewirkt. Link zum Projektbericht unten.
Sehr lesenswert – danke fürs Aufbereiten! Der Dreiklang aus Pachteinnahmen, Gewerbesteuer und günstigem Strom für kommunale Gebäude ist ein starkes Argument, warum Kommunen beim Ausbau nicht zögern sollten. Gibt es aus Ihrer Sicht Regionen, die das aktuell besonders konsequent umsetzen?