Der europäische Emissionshandel: ein Buch erklärt das Klimaschutzinstrument
Der europäische Emissionshandel gilt als die marktwirtschaftliche Lösung zur Bekämpfung des Klimawandels. Er sorgt dafür, dass klimaschädliche Produkte teurer werden und die Emissionen im Lauf der Zeit sinken. In ihrem Buch “Der europäische Emissionshandel” haben sich Dr. Constanze Adolf und Marcel Linnemann intensiv mit seiner Entwicklung und seinem Mechanismus auseinandergesetzt und beschreiben es für ein breites Publikum verständlich.
Das Buch
Das Buch “Der europäische Emissionshandel – Ein Klimainstrument schreibt Industriegeschichte – Überblick, Zusammenhänge & Ausblick” ist 2025 im Verlag Springer Fachmedien Wiesbaden GmbH erschienen. Auf 100 Seiten wird der Aufbau der CO2-Bepreisung in der EU und seine Wirkungsweise beschrieben und die Hintergründe, Begründungen, Funktionsweisen und Mittelverwendungen dargestellt.
Die Autoren Dr. Constanze Adolf und Marcel Linnemann arbeiten bei der items GmbH & Co. KG, einem IT-Dienstleister in Münster, der hauptsächlich für die Energiewirtschaft tätig ist. Dr. Constanze Adolf hat sich 16 Jahre in Brüssel mit der Energiepolitik der EU beschäftigt und kennt sich mit den komplexen Regelungen der europäischen Gesetzgebungen aus. Marcel Linnemann ist bestens vertraut mit der Regulierung in der Energiewirtschaft und gleichzeitig Experte für Stromnetze.
Der Inhalt
In diesem Buch beschreiben die Autoren den Aufbau, die Hintergründe und die Entwicklung des europäischen Emissionshandelssystems, abgekürzt EU-ETS für “European Union – Emission Trading Scheme”. Das Emissionshandelssystem der EU ist ein marktbasiertes Klimaschutzinstrument, das Treibhausgasemissionen einen Preis gibt. Diese Emissionen verursachen Kosten, die vorher niemandem in Rechnung gestellt werden konnten und folglich vom Steuerzahler oder von Versicherten getragen werden mussten. Klimaschädliches Handeln war zu günstig, daher konnte der Markt es nicht regeln – so etwas wird in der Volkswirtschaft als Marktversagen bezeichnet.
Die Autoren vergleichen verschiedene ordnungspolitische oder liberal-wirtschaftspolitische Instrumente als Mittel gegen das Marktversagen. Sie beschreiben alternative Instrumente wie eine CO2-Steuer. Im Unterschied zum Zertifikatehandel wird die Höhe einer Steuer staatlich festgelegt. Im Handelssystem wird hingegen über die Menge an Zertifikaten die Obergrenze der Emissionen festgelegt.
Im Buch erfährt man, wie die Menge an CO2-Emissionen auf die europäischen Mitgliedsstaaten aufgeteilt wird – festgelegt in der Lastenteilungsverordnung (LVV). Die EU-Richtlinie trägt den Namen “Effort Sharing Regulation”, direkt übersetzt wäre das eher die “Regulierung der Aufgaben- oder Arbeitsteilung”. Auch den Bereich der Landnutzung, Landnutzungsänderung und Forstwirtschaft, der sich mit den Ökosystemen und ihrer Fähigkeit zur Speicherung und Freisetzung von Emissionen beschäftigt, haben die Autoren beschrieben. Dieser Bereich wird mit LULUCF (“Land Use, Land Use Change and Forestry”) abgekürzt. Es folgt die Erklärung der EU-Energiesteuerrichtlinie, die zur Aufgabe hat, Handelshemmnisse innerhalb der EU abzubauen und eine gemeinsame Struktur zu schaffen.
Geschichte des EU-Emissionshandels
“Kernstück des Handelssystems ist die Ausgabe und der Handel mit einer festgelegten Menge an CO2-Verschmutzungsberechtigungen in Form von Emissionszertifikaten, auch bekannt als EU Allowances (EUA) oder EU Emission Reduction Units (ERU).”
Aus “Der europäische Emissionshandel”
Im zweiten Kapitel blicken die Autoren auf die Entstehung des EU-Emissionshandels seit 2005, “das erste über nationale Grenzen hinweg gültige marktwirtschaftliche Instrument zur Regulierung und Reduzierung klimaschädlicher Treibhausgase”. Es begann im Jahr 2000 mit der Idee und der Einführung 2005 als “erstes, über nationale Grenzen gültiges marktwirtschaftliches Instrument zur Regulierung und Reduzierung klimaschädlicher Treibhausgase weltweit”.
Sie erklären sehr ausführlich die zweite Phase des Emissionshandels, in der die Anzahl der Zertifikate reduziert und innereuropäische Flüge integriert wurden. Man lernt im Buch, dass sich erst ab 2013 in der dritten Phase ein Markt für Emissionszertifikate entwickeln konnte. In dieser Zeit wurde mit der Hilfe verschiedener Maßnahmen das Überangebot an kostenlosen Zertifikaten reduziert und verstärkt auf eine auktionsbasierte Ausgabe gesetzt. In dieser Phase wurde der Zertifikatehandel auf die EU-Klimaziele für 2030 ausgerichtet.
Aktuell befinden wir uns in der vierten Phase mit einer weiteren Reduzierung der jährlichen Emissionsmenge. Für den Handel bedeutet das, die Gesamtmenge der ausgegebenen Zertifikate nimmt schneller ab. Weitere Neuerungen sind Regelungen zur Reduzierung der Gefahr einer Abwanderung energieintensiver Unternehmen (Carbon Leakage).
“Was wir als Zwischenfazit vorschlagen möchten ist die Feststellung, dass Märkte in ihrer Entwicklung nicht nur durch ihre regulatorische „interne“ Gestaltung maßgeblich geprägt werden, der EU-ETS Markt z. B. durch die Weiterentwicklung innerhalb der beschriebenen vier Handelsperioden. Vielmehr unterliegen Märkte aber auch externen Einflüssen, wie z. B. Finanzkrisen oder gar Kriege, was ihre Vorhersagbarkeit mitunter schwierig gestaltet.”
Aus “Der europäische Emissionshandel”

Integration von Gebäuden und Verkehr
Die EU hat im Rahmen des Fit-for-55 Paketes verschiedene Verschärfungen ihrer Bemühungen im Klimaschutz und einen zweiten Emissionshandel, EU-ETS II, beschlossen. Dieser deckt die Sektoren Verkehr und Gebäude ab, die bisher in der Lastenteilungsverordnung (LVV) zu finden waren. Diese Sektoren sind für 38 % der Emissionen in der EU verantwortlich. Durch den EU-ETS II soll bis 2030 eine Reduktion von 42 % im Vergleich zu 2005 erreicht werden. Der Start des neuen Emissionshandels ist für 2027 vorgesehen, eine Verschiebung auf 2028 ist jedoch möglich.
Die Autoren beschreiben das Prinzip des Cap-and-Trade (Emissionsrechtehandel) mit einer jährlichen Verringerung der Anzahl der Zertifikate. Durch ihre Verringerung soll künstlich eine Knappheit erzeugt werden, die für steigende Preise sorgt. Eine Änderung zum bisherigen Emissionshandel ist das Prinzip der Vergabe der Zertifikate, die an einer vorgelagerten Stelle der Lieferkette erfolgt. Vergleichbar mit dem derzeitigen Brennstoffemissionshandelsgesetz in Deutschland müssen die Unternehmen, die Brennstoffe für einen Verbrennungsprozess in diesem Bereich auf den Markt bringen, die Zertifikate erwerben.
Weitere Einblicke geben die Autoren bei der Zertifikatsvergabe und Bestimmung der Menge, sowie bei der Marktstabilitätsreserve und Verknüpfung mit bestehenden nationalen Handelssystemen.
Mittelverwendung im Innovations- und Modernisierungsfonds
Der Verwendung der Einnahmen ist ein eigenes Kapitel gewidmet. Sie sollen Innovationen zur Dekarbonisierung unterstützen, den Ausbau erneuerbarer Energien fördern oder die soziale Schieflage durch den erhöhten CO2-Preis abfedern. Dies geschieht über den Innovations- und Modernisierungsfonds, wobei der Innovationsfonds auf Gebäude, Verkehr und Schifffahrt fokussiert ist und der Modernisierungsfonds als Finanzinstrument die Modernisierung und Innovation unterstützen soll. Weitere Einnahmen gehen in den Klima-Sozialfonds, der die sozialen Folgen des Emissionshandels abfedern soll.
Weitere Themen
In einem weiteren Kapitel beschäftigen sich die beiden Autoren mit dem CO2-Grenzausgleichsmechanismus (CBAM = “Carbon Border Adjustment Mechanism”), der die internationale Wettbewerbsfähigkeit sichern soll. Dieses Instrument soll verhindern, dass Unternehmen ihre Produktion und ihre Emissionen in Staaten außerhalb der EU verlagern. Es soll auch helfen, die Emissionen von Produkten der Grundstoffindustrie (z. B. Zement, Düngemittel, Eisen, Stahl und Aluminium), die in die EU eingeführt werden, zu reduzieren.
Deutschland hat 2019 einen nationalen Emissionshandel, bzw. eine CO2-Steuer, eingeführt. Die Autoren erklären, dass der Brennstoffhandel erst zum 01.01.2026 beginnt, auch wenn das Gesetz “Brennstoffemissionshandelsgesetz” heißt. Im Zeitraum des nationalen Emissionshandels wird sich der Preis pro Tonne CO2 noch in einem festgelegten Rahmen zwischen 55 und 65 Euro bewegen. Im Buch erläutern sie auch, wie der Übergang zum europäischen Emissionshandel EU-ETS II abläuft und was passiert, wenn sich der Start verzögert.
Es bleibt nicht nur bei der Dokumentation der Funktionsweise des europäischen Emissionshandels. Constanze Adolf und Marcel Linnemann blicken auf die bisherigen Leistungen des Emissionshandels zurück. Auch wenn die Entwicklung des Emissionshandels teilweise in “Trippelschritten” ablief und auch mit Rückschlägen verbunden war, erzielt der Emissionshandel mittlerweile eine deutliche Lenkungswirkung. Der Markt ist nur so gut wie seine Spielregeln und es bedurfte einer Lernphase, “um das heutige ETS zu etablieren”. In ihrem Fazit machen sie auch deutlich, dass weiterhin Anstrengungen notwendig sind, um die gesteckten Klimaziele zu erreichen.
“Das EU-ETS I hat durch seine Lenkungsfunktion in der Preisgestaltung z. B. maßgeblich zur Energiewende und zur Integration erneuerbarer Energien bzw. der Stilllegung von CO2-intensiven Energieträgern wie Kohle beigetragen.”
Aus “Der europäische Emissionshandel”
Bewertung und Fazit
Das Buch gibt einen umfangreichen Einblick in die Entwicklung und Funktionsweise des europäischen Emissionshandels – von seiner Entstehung bis zu einem Rückblick aus der Zukunft. Die beiden Autoren nehmen ihre Leserinnen und Leser mit auf eine Zeitreise und beschreiben die Komplexität der Gestaltung eines Marktes für Emissionsrechte. Das Buch eignet sich auch als Nachschlagewerk für die vielen Abkürzungen und Regelungen im europäischen Klimaschutz. Es ist ein sehr kompliziertes Thema, das die Autoren gut verständlich beschreiben.
Für mich ist die gesamte Thematik durch das Buch etwas verständlicher geworden. Ich habe den Emissionshandel früher für wirkungslos gehalten, mittlerweile kann ich mir seine Lenkungswirkung eher vorstellen. Mit der Lektüre des Buches habe ich einen umfassenden Einblick und ein besseres Verständnis für die Geschichte und Funktionsweise des Emissionshandels bekommen.

Stark hängen geblieben ist bei mir das Fazit zur Lernphase des gesamten Systems. In vielen Branchen hat genau diese Lernphase durch digitale Servicelösungen enorm an Tempo gewonnen, was dem Handel ebenfalls helfen könnte.
Beim Thema soziale Abfederung bin ich jedoch weniger optimistisch als dargestellt, weil Unterstützung oft verzögert greift
Lieber Andreas,
ganz vielen Dank für Deine ausführliche Rezension, die voll ins Schwarze trifft, was unsere Motivation betrifft, dieses Buch zu verfassen.
Uns war es wichtig, in leicht verständlicher Sprache für alle Interessierten die Funktionsweise dieses zentralen Instruments sowie seine Auswirkungen auf die Energiewende an sich, uns alle und die Industrie in Europa zu erläutern. Und ja, ich verstehe Dich gut, bis vor einigen Jahren habe ich das EU-ETS auch mit Skepsis ob seiner Wirksamkeit betrachtet – und habe meine Meinung geändert.
Ein Grund, dieses Buch jetzt zu schreiben sehen wir auch darin begründet, dass wir dringend eine Debatte und Informationen (nicht nicht Meinungen) über das EU-ETS II brauchen, das ab 2027 Gebäude und Verkehr bepreisen soll. Das ETSII wird nur dann zum Erfolgsmodell, wenn es nicht als reine Kostenmaschine wahrgenommen wird, sondern als Motor einer gerechten Transformation. Gerade die Millionen MieterInnen, die heute bereits unter Energiearmut leiden, brauchen schnelle, konkrete Unterstützung. Denn Klimaschutz darf nicht spalten, er soll vielmehr zur Teilhabe einladen. Wenn wenn die Energiewirtschaft eines nicht gebrauchen kann, dann ist es ein Marktmechanismus, der nach Markt klingt, aber keiner ist. https://itemsnet.de/itemsblogging/ets-2-in-den-kommunen/
Vielen Dank, liebe Constanze, es freut mich sehr, dass ich den Kern eurer Motivation getroffen habe. Mir ist das Verständnis der Mechanismen in der Energiewende oder ihrem Umfeld auch sehr wichtig, bzw. die größte Motivation meiner Arbeit. Daher freue ich mich, dass ich euer Buch unterstützen kann.
Ich sehe es ähnlich, was den ETS-II betrifft. Bisher wird er nur als Kostenfaktor betrachtet, es kommt aber bei den Menschen nicht an, wo die Mittel hingehen werden. Darüber muss mehr gesprochen oder geschrieben werden.