Energiewende

Serie Smart Country: Profitable Abnehmerstruktur für Anlagen und Netze

Regionales Stromprodukt
Struktur einer regionalen Stromversorgung, Grafik: Christian Chudoba

Viel ist zu lesen über “Smart Homes” und die Stadt von morgen – doch die Energiewende findet auf dem Land statt: Dort steht der Großteil der Erneuerbare-Energien-Anlagen, dort müssen die Verteilnetze “intelligent” werden.

Im Rahmen der Initiative “Smart Country” des Internet & Gesellschaft Collaboratory e.V.hat eine Expertengruppe untersucht, wie die intelligente Energiezukunft auf dem Land aussieht, was ihre Schlüsselfaktoren sind und wo es schon gute Ansätze gibt. Die Ergebnisse stellen wir in dieser Serie vor.

Die Autoren des Berichts sind: Jan Schoenmakers (EWE), Dr. Christian Chudoba(Lumenaza), Torsten Cymanek (Entemo), Andreas Kühl (energynet).

Eine profitable Abnehmerstruktur für Anlagen und Netze

Wind- und Sonnenenergie mit Stromleitungen im Havelland, Foto: Andreas Kühl
Wind- und Sonnenenergie mit Stromleitungen im Havelland, Foto: Andreas Kühl

Strom ist zum emotionalen Produkt geworden. Zwar kommt er unwahrnehmbar aus der Steckdose, doch beschäftigen Herkunft, der Preis und die Versorgungssicherheit immer stärker die Gemüter – bei den Verbrauchern wie in der Presse.

Hier liegt für Kommunen eine große Chance: Ist vor Ort bereits ein guter Mix an Erzeugungsanlagen vorhanden, kann die Gemeinde auch in den Vertrieb der lokalen Energie einsteigen, in dem sie ein eigenes Stromprodukt anbietet. Dies kann durch den Aufbau eigener Kompetenz geschehen oder unter der Zuhilfenahme eines Dienstleisters – so oder so bleibt ein höherer Anteil der Wertschöpfung in der Kommune, als wenn der Strom lediglich gegen Vergütung eingespeist oder an der Börse vermarktet wird.

Die Vermarktung kann auf verschiedenen Wegen erfolgen: mit größeren Abnehmern, z.B. Betrieben, können direkte, möglichst langfristige Lieferverträge geschlossen werden, bei denen die Tarifgestaltung mehr Freiheiten bietet – zum Beispiel nach Verbrauch oder Zeiten gestaffelte Preise oder eine Teilnahme am Energiehandel. Haushalte und kleinere Gewerbe sind über die klassischen Endkunden-Stromprodukte – also feste Tarife mit kürzeren Kündigungsfristen und gesetzlich standardisiertem Vertragswerk erreichbar.

Gegenüber Netzbetreibern kann Regelenergie angeboten werden, die auf Abruf Strom einspeist (oder im Gegenteil die Einspeisung drosseln), um das Netz zu entlasten – Anlagen, die an diesem Markt teilnehmen, müssen einen Zertifizierungsprozess durchlaufen.

Energieanbieter sein heißt, ein Portfolio zu steuern

Regionales Stromprodukt
Struktur einer regionalen Stromversorgung, Grafik: Christian Chudoba/ Lumenaza GmbH

Allen Vermarktungsformen gemeinsam ist, dass man als Energieanbieter eine Verantwortung und rechtliche Verpflichtung übernimmt: Sagt man die Lieferung einer bestimmten Strommenge (bzw. die Deckung des Bedarfs eines bestimmten Kunden) zu, muss man die entsprechende Energie auch zur rechten Zeit liefern können. Die benötigten Mengen müssen also entsprechend abgesichert werden – mit genügend Puffer für unvorhergesehene Schwankungen und Ausfälle. Was sich durch eigene Stromerzeugung nicht abdecken lässt, muss man am Markt zukaufen.

Der Ausgangspunkt für die Vermarktung der lokalen Energieerzeugung ist daher ein kommunales bzw. regionales Energieportfolio, das verlässlich verfügbar und zugleich gut steuerbar ist. Daher sollten fluktuierende Energieformen (z.B. Wind, Sonne) durch kontinuierlich abrufbare (z.B. Wasser, (Bio)Gas-Blockheizkraftwerke) ergänzt werden, die die benötigten Strommengen auch bei Nacht und Flaute sichern können. Bei der heute noch sehr eingeschränkten Verfügbarkeit von Speichern sollte die Aufteilung zwischen fluktuierenden und steuerbaren Energiequellen ungefähr gleich groß sein.

Zugleich ist ein Echtzeit-Überblick über die Energieerzeugung und eine flexible Fernsteuerung der einzelnen Anlagen notwendig – zum Beispiel für das Steigern und Drosseln der Stromerzeugung oder den Wechsel zwischen strom- und wärmegeführtem Betrieb bei Kraft-Wärme-Kopplungsanlagen. Unverzichtbar ist daher eine Ausrüstung aller beteiligten Anlagen mit internetverbundener Mess- und Steuertechnik.

Auch kleinere, private Solaranlagen lassen sich in regionale Ökostromprodukte (allerdings aufgrund des bürokratischen Aufwands meist nicht in Regelenergie-Angebote) einbeziehen, wenn die Eigentümer ihren Strom – abgesichert durch Hausspeicher – flexibel selbst nutzen: bietet man ihnen günstige Stromtarife für die Reststromversorgung und gute Abnahmekonditionen für ihren Strom, wenn er benötigt wird, können sie durch die bedarfsgerechte Anpassung von Erzeugung und Verbrauch des eigenen Stroms zu einem ausgeglichenen lokalen Portfolio beitragen. Für eine entsprechend flexible Nutzung sollten die Speicher durch den Hausbesitzer fernsteuerbar sein – zum Beispiel per Smartphone.

Lokale Wärmeprodukte über die Eigenversorgung einzelner Gebäude und Einrichtungen hinaus sind nur dort gangbar, wo ein Nahwärmenetz langfristig wirtschaftlich betrieben werden kann. Hier bieten sich besonders direkte Lieferverträge und Genossenschaftslösungen an – gerade wenn ohnehin anfallende Wärme genutzt wird, beispielsweise Abwärme eines Betriebs oder Wärme einer primär stromgeführten Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlage, können günstige Preise realisiert werden.

Energieautarkie – ein Schlagwort mit Risiken

Bei aller berechtigten Begeisterung für die Möglichkeiten, mit eigener Erzeugung und eigenen Energieprodukten Wertschöpfung vor Ort zu schaffen, treibt ein zu starker Fokus auf Autarkie die Kosten und Risiken enorm in die Höhe: Große Überschusskapazitäten müssten in jeder Kommune vorgehalten werden, um die unvermeidlichen Schwankungen oder Ausfälle auszugleichen.

Dies gilt umso mehr in ländlichen Räumen, die durch niedrige Bevölkerungsdichte mit häufig abnehmender Tendenz charakterisiert sind. Sinnvoller ist daher in der Regel die regionale Vernetzung mit Nachbar-Kommunen oder auch Stadt-Landpartnerschaften bei Erzeugung und Abnahme.

So kann es sehr gut sein, dass große Verbraucher erst im Umfeld der Stadt bzw. dem nächsten regionalem Zentrum zu finden sind, aber die Erzeugung in der Kommune stattfindet – oder dass Kommunen mit viel steuerbaren Biogas-Kraft-Wärme-Kopplungs-Anlagen und solche mit großen Windparks ihre Erzeugung als gemeinsames Portfolio vermarkten.

Weiterführende externe Links

Serie zur Energiewende auf dem Land

Weitere Beiträge werden in den kommenden Wochen jeweils Dienstags hier erscheinen. Wer besonders neugierig ist, kann sich bei der Initiative “Smart Country” bereits in die Texte einlesen, dort sind die Ergebnisse der Expertengruppe im Herbst 2014 erschienen.

Teil 1: Die Energiewende – eine Schönheit vom Lande
Teil 2Ein verlässlicher Energiemix aus lokalen Ressourcen
Teil 3Zukunftsfähige, aber nicht überdimensionierte Netze

Die weiteren Beiträge:

Teil 5: Energieeffizienz als Chance für Haushalt und Handwerk
Teil 6: Pragmatische Lösungen für nachhaltige Mobilität
Teil 7: Die Bürger aufklären und beteiligen – auch unternehmerisch

Über den Autor

Andreas Kühl

Energieblogger aus Leidenschaft mit großem Faible für effiziente Energienutzung im Strom- und Wärmebereich. Diie kostenlos zur Verfügung stehende Energie der Sonne und vom Wind sind für mich faszinierend und Herausforderung zugleich.
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